Die nicht gehaltene Rede

Es war geplant, dass der Vorsitzende des BUND OV Butzbach am Treffpunkt der Fahrraddemo eine kleine Rede hält. Weil der Zug der Fahrradfahrer mit 45 Minuten Verspätung in Butzbach eingetroffen ist, ist es dann nicht mehr dazu gekommen. Deshalb hier die Rede zum Nachlesen.

Hallo Radfahrer:innen!

Ich gebe zu, ich stehe hier mit gemischten Gefühlen. Es fühlt sich schon ein bißchen komisch an, wenn ich – als Angehöriger einer Generation, die es verbockt hat – hier auf einer Demo, die von einer Bewegung der Jugend ausgeht, reden soll.

Trotzdem bin ich der Bitte gerne nachgekommen und habe mir überlegt, welche Botschaft ich hier an Euch weiter geben möchte.

Dazu ist mir viel eingefallen, denn so viele Entwicklungen in unserer Gesellschaft laufen in die falsche Richtung.

In Bezug auf den Kfz-Verkehr könnte ich jetzt über CO2-Ausstoß, Verschwendung von Rohstoffen, Flächenverbrauch, Lärm, Feinstaub, Interessen des Kapitals, Ausbeutung der Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländer, usw. sprechen. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns aber eingestehen, dass wir das alles wissen.

Ich will deshalb die Gelegenheit nutzen und die Aufmerksamkeit einmal in eine andere Richtung lenken und kurz über die sozialen Folgen der Automobilen-Mobilität sprechen. Wir beklagen heute allenthalben, dass unsere Städte und Dörfer tot sind. Zu dieser Entwicklung hat ganz wesentlich das Auto beigetragen. Wer heute auf dem Dorf lebt und z. B. Brötchen braucht, der nimmt nicht die Einkaufstasche in die Hand und geht ein paar Schritte zum Bäcker. Nein, der setzt sich ins Auto und fährt los.

Die Fixierung auf das Auto hat dazu geführt, dass sich das gesamte Leben auf das Kfz ausgerichtet hat: Wohnung, Arbeit, Schule, Einkaufen und soziales Leben wurden komplett entkoppelt.

Da die beiläufige Begegnung im Alltag – der Gruß, ein paar freundliche Worte, der Austausch von Neuigkeiten – nicht mehr stattfindet, wenn wir erst einmal in der Blechbüchse sitzen, stirbt der soziale Zusammenhalt vor Ort.

Die Leidtragenden sind vor allem die, die nicht selbst Auto fahren können und die, die Risiken des Kfz-Verkehrs nicht mehr wahrnehmen können oder noch nicht einschätzen können: Kinder, Behinderte, Alte.

Im Moment wird das Thema Verkehr vor allem mit Blick auf die Umwelt diskutiert. Ich bin der Meinung, dass die Diskussion viel weiter gehen muss. Es muss endlich auch über die sozialen Folgen der Automobilen-Mobilität gesprochen werden. Wer glaubt, dass mit dem Austausch der Antriebsform die Probleme die der Verkehr verursacht gelöst werden, irrt. Elektromobilität kann nur eine Teil- und Zwischenlösung sein. Was wir brauchen ist eine Mobilität, die auf die Umwelt und die Gesellschaft Rücksicht nimmt.

Der BUND hat dies erkannt. Seit einiger Zeit wird im Verband in einer Schreibwerkstatt über den notwendigen ökologisch-sozialen Umbau der Gesellschaft diskutiert und Thesenpapiere hierzu entwickelt. Eine notwendige Diskussion, die gerade erst am Anfang steht.

Heute sind wir hier, um für eine Verkehrswende zu demonstrieren, die diesen Namen auch verdient.

  • Wir wollen zeigen, dass es auch möglich ist, anders als mit dem Auto mobil zu sein!
  • Wir fordern Gleichberechtigung für Fußgänger, Radfahrer, Mobilitätseingeschränkte!
  • Wir wollen, dass dem Auto Verkehrsraum weg genommen wird, damit auch andere sicher mobil sein können!

Wie ich schon gesagt habe, ist zu Klimaschutz und Verkehrswende alles bereits vielfach gesagt und geschrieben worden – es ist jetzt an der Zeit endlich etwas zu tun. Schluss mit den leeren Phrasen aus dem Mund von Politikern!